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Billund schnappt Fluggäste weg

Hamburger Flughafen leidet unter Luftverkehrsabgabe des Bundes

Airportchef Eggenschwiler greift Bundesregierung an: Die Sondersteuer sei ein "Eigentor", das Arbeitsplätze koste

Der Hamburger Flughafen erwartet für das laufende Jahr rund 13,5 Millionen Passagiere. Das ist eine Steigerung von 4,7 Prozent gegenüber 2010. Es hätten jedoch gut 200 000 Reisende mehr sein können, hob Flughafenchef Michael Eggenschwiler auf der jüngsten Sitzung des norddeutschen Luftfahrt-Presse-Clubs hervor. Doch statt in Hamburg in einen Flieger einzusteigen, sind diese Reisenden vor allem vom jütländischen Airport Billund abgeflogen. “Uns fehlen neuerdings die Dänen”, sagte Eggenschwiler.

Verantwortlich für diesen Aderlass machte er die von der Bundesregierung Anfang 2011 eingeführte Luftverkehrsabgabe. Durch diese Sondersteuer verteuerten sich die Flüge um acht Euro pro Strecke innerhalb Deutschlands, 25 Euro auf europäischen und 45 Euro auf interkontinentalen Routen. “Das ist für eine vierköpfige Familie mitunter schon ein erheblicher Kostenfaktor”, so Eggenschwiler. Dieser hat nach Angabe des Flughafenverbandes ADV bereits zu massiven Abwanderungen von Passagieren auf grenznahe Plätze geführt.

Beleg für diese “Abstimmung mit den Füßen”, so Eggenschwiler, sei neben Billund der holländische Flughafen Maastricht. Dort sind die Passagierzahlen seit Januar in die Höhe geschossen, während grenznahe deutsche Flughäfen wie Weeze in Nordrhein-Westfalen oder Hahn im Hunsrück über starke Rückgänge klagen. Negativ besonders betroffen von der Sondersteuer sei Air Berlin, die ihre Flotte bis Sommer nächsten Jahres um etwa 18 Flugzeuge verkleinern will. Für Hamburg habe dies zur Folge, dass Air Berlin eine Reihe von Strecken wie etwa die Frankfurt-Flüge komplett gestrichen oder stark ausgedünnt habe. Dies wiederum führe zu einer geringeren Auslastung der Bodenverkehrsdienste am hiesigen Airport, koste folglich Geld und möglicherweise Jobs.

Alles in allem habe die Bundesregierung mit der Luftverkehrsteuer nach Meinung Eggenschwilers ein Eigentor geschossen, da der Wirtschaftsstandort Deutschland hierdurch geschwächt werde. “Die Politik exportiert damit Wertschöpfung und Arbeitsplätze ins Ausland”, empörte sich der Manager. “Eigentlich ist das Gegenteil ihre Aufgabe”, fügte er mit Fingerzeig Richtung Finanzminister Schäuble hinzu.

Dabei ist die Steuer nur eine von zahlreichen Belastungen, denen sich die Luftverkehrsbranche derzeit ausgesetzt sieht. Die anderen heißen: EU-Schuldenkrise, rezessive Konjunkturaussichten, zunehmende Nachtflugverbote wie kürzlich für Frankfurt verfügt sowie die ab kommendem Januar von Brüssel geplante Einbeziehung der europäischen Airlines in den Emissionshandel. Der internationale Fluglinienverband IATA spricht diesbezüglich von einem “Giftcocktail”, der Verluste von mehreren Milliarden Euro bei den in der EU beheimateten Airlines verursachen wird.

Bezogen auf Hamburg sieht Eggenschwiler die Zukunft etwas rosiger. Zwar gehe er von einer Delle im ersten Quartal 2012 aus, danach aber werde sich die Verkehrsentwicklung stabilisieren und wieder zulegen, sagte der Manager.

Unter dem Strich erwartet der Airport für 2012 eine Zunahme der Passagierzahlen von drei Prozent auf dann etwa 14 Millionen insgesamt. Die Annahme basiert auf Ankündigungen neuer Strecken durch Fluggesellschaften. So wird Air France ab dem Frühjahr sowohl Marseille als auch Toulouse von Hamburg aus nonstop bedienen. Gleichzeitig nimmt Konkurrent Lufthansa in der Sommersaison Kurs auf St. Petersburg, Dubrovnik, Venedig sowie die britische Kanalinsel Jersey.

Mit dem abgelaufenen Jahr zeigte sich Eggenschwiler zufrieden. Wir erwarten ein “gutes betriebswirtschaftliches Ergebnis für 2011”. Angaben zu finanziellen Details lehnte er mit Hinweis auf die voraussichtlich im kommenden April stattfindende Bilanzkonferenz des Flughafens ab. Als Neuerung für kommendes Jahr kündigte der Manager die Ausstattung der Terminals mit kostenlosen WLAN-Verbindungen an. “Dafür werden wir mehrere Hunderttausend Euro investieren.”

Wie die “Welt” am Rande der Sitzung erfuhr, zieht sich der Verkaufsprozess der Hochtief Concessions AG in die Länge, sodass mit einem Ergebnis vor dem Jahreswechsel nicht zu rechnen ist. Das Essener Unternehmen hält Anteile an insgesamt sechs Airports, darunter 49 Prozent am Hamburger Flughafen. Als Bieter für das gesamte Flughafenpaket sind nach internen Quellen noch der französische Mischkonzern Vinci und die im Bereich Luftverkehr und Tourismus aktive chinesische Gruppe HNA im Rennen. Welcher der Kandidaten aus Sicht des Flughafens der Wunschpartner sei, wollte Eggenschwiler nicht beantworten.

© 10.12.11 Heiner Siegmund, DIE WELT

Tourismus

Rekordjahr 2011: Mehr als 13 Millionen Fluggäste

Hamburg. Für den Hamburger Flughafen wird 2011 ein Rekordjahr. “Wir werden mit voraussichtlich 13,56 Millionen Passagieren erstmals die Marke von 13 Millionen übertreffen”, sagte Michael Eggenschwiler, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Flughafens Hamburg, im Gespräch mit dem Abendblatt. Zwar liegt das Wachstum in der Hansestadt mit 4,4 Prozent niedriger als bei den großen Konkurrenten Frankfurt/Main und München. “Hamburg erzielt sein Wachstum aber zu 90 Prozent im europäischen Verkehr, und da entspricht das Plus unseren Erwartungen”, sagte Eggenschwiler. Doch auch Hannover schneidet durch die dort neu eingerichtete Basis von Germanwings besser ab (plus sechs Prozent), ebenso Düsseldorf und Berlin.

Der Flughafenchef geht davon aus, dass Hamburg durch die zu Beginn des Jahres eingeführte Luftverkehrsabgabe 200 000 Passagiere verloren hat. Die Ticketsteuer fällt bei allen Abflügen von deutschen Airports an und liegt zwischen acht und 45 Euro je nachdem, ob das Ziel in Europa oder in Amerika oder Asien liegt.

“Die Einführung der Abgabe hat der gesamten Branche geschadet. In Hamburg ist sie einer der Hauptgründe dafür, dass die Passagierzahlen bei Inlandsflügen stagnieren. Zudem haben deutlich weniger Dänen Hamburg als Abflughafen gewählt”, sagte Eggenschwiler. Jetzt hofft er darauf, dass nach der Einführung des Emissionshandels für alle Fluggesellschaften zum 1. Januar, durch den neue Mehrkosten entstehen, im Gegenzug zumindest die Ticketsteuer leicht gesenkt wird.

Mit Blick auf die interkontinentalen Verbindungen von Hamburg aus ist der Flughafenchef optimistisch. Die Jets von United, der ehemaligen Continental, nach New York seien sehr gut gebucht. Nicht selten würden Passagiere wegen der vollen Flieger schon von anderen Airports abfliegen. Hier könnte sich laut Eggenschwiler zumindest im Sommer der Einsatz größerer Flugzeuge lohnen. Auch die Verbindung nach Shanghai, die China Eastern Ende August aufgenommen habe, sei inzwischen auf zwei Flüge pro Woche ausgeweitet worden. “Es ist die derzeit schnellste Verbindung von Europa in die Hafenstadt.”

Als mögliche neue Ziele sieht Eggenschwiler Chicago und Miami, aber auch Peking, Bangkok oder die Metropolen Indiens. Die Chancen für solche Verbindungen ab Hamburg würden sich mit den von Boeing und Airbus geplanten neuen Langstreckenjets (787 Dreamliner sowie A350) erhöhen. Diese Flugzeuge sind für Direktflüge geeignet, die vor allem Geschäftsleute bevorzugen. Und in Hamburg sind mit 40 Prozent besonders viele Passagiere geschäftlich unterwegs.

Im Jahr 2011 wird die Flughafengesellschaft, die zu 51 Prozent der Stadt und zu 49 Prozent der Hochtief Concessions gehört, ihren Umsatz leicht erhöhen, sagte Eggenschwiler. Zuletzt lagen die Erlöse bei 249 Millionen Euro. Die Belegschaft werde leicht von 1669 auf rund 1700 steigen. Für 2012 wird bei den Passagieren ein Plus von drei Prozent erwartet. “Der Flugverkehr wächst im Durchschnitt 2,5- bis dreimal so schnell wie die Wirtschaft”, sagte der Manager. “Da dürften bei dem erwarteten schwächeren Wachstum von einem Prozent in Deutschland drei Prozent mehr Passagiere realistisch sein.”

© 10.12.11 Volker Mester und Rolf Zamponi, Hamburger Abendblatt