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Lufthansa: „Es gab keine Aschewolke“
© www.derwesten.de 23.04.10
Düsseldorf. Nach dem mehrtägigen Flugverbot in Europa bahnt sich ein Streit zwischen Bundesregierung und Fluggesellschaften an. Die Lufthansa behauptet, es habe laut ihren Messungen gar keine Aschewolke gegeben. Die Fluggesellschaft prüft nun Schadenersatzansprüche gegen den Bund.
Die Lufthansa hat das fast fünftägige Flugverbot über Deutschland als völlig unnötig erklärt. „Es gab keine Aschewolke“, sagte Lufthansa-Passage-Vorstand Karl Ulrich Garnadt auf einer Veranstaltung des Luftfahrtpresseclubs am Donnerstagabend in Düsseldorf.
Es hätten lediglich erhöhte Aerosolkonzentrationen festgestellt werden können. Zu keiner Zeit habe es eine Gefahr gegeben. Die Lufthansa prüfe nun juristische Schritte, sagte Garnadt auf die Frage der WAZ, ob eine Schadenersatzklage gegen den Bund geplant sei. Dies sei noch nicht endgültig entschieden.
Messflug am Dienstag
Die Lufthansa hatte am Dienstag einen eigenen Messflug in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut Mainz gestartet, um Details und Daten der Vulkanaschekonzentration in der Luft zu erheben. Es war der erste weiträumige Messflug, der im europäischen Luftraum durchgeführt wurde.
Damit widerspricht die Lufthansa den Angaben des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das hatte eigenen Angaben zufolge bei einem Testflug am Montag Vulkanasche in den Luftschichten über Deutschland nachgewiesen. Das Laser-Radar (Lidar) habe verschiedene Schichten Vulkanasche festgestellt, die mit Aerosol-Messgeräten untersucht worden seien, teilte das DLR in einem Bericht an das Bundesverkehrsministerium am Dienstag mit. Die Aschewolke sei zudem deutlich als bräunliche Schicht erkennbar gewesen.
1,3 Milliarden Euro Schaden
Durch die Sperrung der Lufträume war der Branche in den vergangenen Tagen ein Schaden von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro entstanden, erklärte der Branchenverband IATA am Mittwoch. Die Sperrung der Lufträume in vielen Ländern Europas habe zeitweise knapp ein Drittel (29 Prozent) der Luftfahrt weltweit lahmgelegt, sagte IATA-Chef Giovanni Bisignani. Zeitweise seien 1,2 Millionen Passagiere pro Tag von den Flugverboten betroffen gewesen. Das Ausmaß der Krise stelle die Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York in den Schatten, als der Luftraum über den USA für drei Tage gesperrt gewesen sei, sagte Bisignani. (mit ddp/afp)
Airlines, Airports und DFS ziehen "Vulkanasche-Bilanz"
© FlugRevue
Bei einer Diskussionsveranstaltung des Luftfahrt-Presse-Clubs haben Fluggesellschaften, Flughäfen und DFS eine Zwischenbilanz der Vulkanasche-Sperrung in den vergangenen Tagen gezogen.
Für die Lufthansa forderte Karl Ulrich Garnadt, Mitglied des Passagevorstandes, möglichst schnell Lehren für die Zukunft zu ziehen. So müsse man beispielsweise schauen, wie künftig in solchen Fällen die Datenerfassung und Bewertung auf eine breitete Basis gestellt werden könne. Nach Einschätzung von Garnadt müsse auch klargestellt werden, dass es sich im deutschen Luftraum eher um eine “erhöhtes Aerosolaufkommen” gehandelt habe, als um eine massive Aschewolke.
Sicherheit habe für die Airlines immer an erster Stelle gestanden. “Bei uns kommt Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit”, sagte Garnadt. Wenn es geringste Zweifel an der Sicherheit für Besatzungen und Fluggerät gegeben hätte, wären beispielweise die Sichtflüge gar nicht gestartet.
Für die Flugsicherung geht Sprecher Axel Raab davon aus, dass es schnell bestätigte Kriterien für die künftige Bewertung solcher Situationen geben werde. Der Vulkanausbruch in Island und seine Auswirkungen seien nach Einschätzung von Raab eine Extremsituation. “Am Anfang haben wir noch gedacht, dass dauert ein paar Stunden”, sagte er.
Christoph Blume, Sprecher der Geschäftsführung des Flughafens Düsseldorf, wünschte sich für die Zukunft eine kontinuierliche Information über die Verbreitung anstelle der Prognosen im Sechs-Stunden-Takt. Positiv habe sich die Information der Passagiere über das Internet entwickelt. Der Airport habe einen extremen Anstieg der Zugriffe auf seine Webseite registriert und entsprechend die Kapazität angepasst. Dies habe sehr viel Chaos verhindert.
Kein teurer Aprilscherz
Kommentar von Dietmar Seher
23.04.2010 | 19:27 Uhr, Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Essen (ots) – Wir reiben uns die Augen. Die Asche ist weder jetzt sichtbar noch war sie es vor einer Woche, als sie Europas Flugverkehr komplett lahmlegte, Milliardenschaden provozierte, Urlaubern den Urlaub versaute und Geschäftsreisenden die pünktliche Heimkehr.
Sie war virtuell, sagt die Lufthansa. Allenfalls existent in fehlinterpretierenden Forscherlabors und letztlich nur auf dem Schreibtisch des Verkehrsministers. Und der, das will Lufthansa-Vorstand Karl-Ulrich Garnadt wohl unterschwellig klar machen, hat falsch entschieden, als er das Flugverbot verhängte. Ein Vorwurf, der eindeutig die mögliche Schadenersatzklage vorbereitet.
Jetzt wird sicher gestritten, wo Aerosole aufhören und Vulkanaschen anfangen. Für die wissenschaftliche Einordnung der Gefährlichkeit des Vulkanauswurfs gibt es ja auch kein Vorbild. Aber 22 Regierungen in Europa sind nicht blind auf einen Aprilscherz reingefallen. Der Verdacht war real. Ramsauer und Kollegen mussten – der Sicherheit wegen – handeln.
Europa muss den Weg finden, mit solchen Ereignissen umzugehen. Jet-Hersteller müssen sagen, wie viel Asche ein Triebwerk verträgt. Es müssen zuverlässige Messmethoden her und klare Grenzwerte für eine Belastung. Denn eines ist auch klar: Noch ein paar (virtuelle?) Vulkanausbrüche kann selbst der gut gepolsterte Kranich nicht verkraften.