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Russen starten Rakete von EU-Weltraumbahnhof

Das gab es noch nie in der Geschichte der Raumfahrt: Erstmals soll eine Sojus-Rakete in Französisch-Guayana starten und zwei Galileo-Satelliten ins All bringen.

Dafür, dass in der kommenden Woche unter seiner Leitung eine milliardenschwere Premiere stattfindet, trägt Jean-Claude Garreau eine bemerkenswerte Ruhe zur Schau. Der Franzose steht in einer klimatisierten Montagehalle auf dem Gelände der europäischen Raumfahrtagentur Esa in Kourou in Französisch-Guyana.

Erste wiederverwendbare Rakete geplant

„Wir sind dem Zeitplan ein paar Tage voraus“, sagt er. Es gehe eigentlich nur noch um Rollout-Tests und elektrische Installationen.

Was Garreau nicht sagt, ist, dass der bevorstehende erste Start einer Sojus-Rakete von EU- und NATO-Boden ohnehin aufgrund verschiedener organisatorischer, technischer, geologischer und wohl auch politischer Probleme rund zwei Jahre hinter dem einst anvisierten Termin her hinkt. Doch nun sieht es so aus, als könnte alles mit dem Start am 20. Oktober klappen.

Auf keinen Fall Details fotografieren

Hinter Garreau liegt die Rakete in schlichtem Grau. Nur oben und unten lockern orangerote Streifen das Bild auf. Man darf das mehr als 30 Meter lange Kraftpaket sogar anfassen, aber auf keinen Fall Details fotografieren – da ist Garreau eigen.

Unterstützt durch beeindruckende vier Booster, soll sie am 20. Oktober zwei Satelliten des europäischen Navigationssystems Galileo ins All befördern.

Damit wird zum ersten Mal ein russisches Trägersystem vom europäischen Weltraumbahnhof starten. Deutschland ist an dem multinationalen Programm mit 4,3 Prozent oder rund 16 Millionen von 468 Millionen Euro beteiligt und liegt damit an vierter Stelle der sieben Teilnehmerstaaten Frankreich (76 Prozent), Italien (7,3), Belgien (4,8), Spanien, der Schweiz und Österreich.

Abenteuer Sojus-Landung

Bei der Landung des russischen Raumschiffes Sojus TMA-11 am 19. April 2008 entgingen die Kosmonauten – der Russe Juri Malentschenko, die Amerikanerin Peggy Whitson und die Südkoreanerin Yi So Yeon – nur mit Glück dem Verbrennungstod.

Fest gebucht für Sojus-Starts sind zehn der 30 Galileo-Satelliten. Sie sollen Europa in den nächsten Jahren unabhängig vom amerikanischen GPS-System machen, das heute den überwiegenden Teil aller Satellitennavigationssysteme weltweit versorgt.

Draußen knallt die Tropensonne auf Hallenwände und Dächer, es sind 32 Grad Celsius im eher spärlichen Schatten. Die Hitze sei weniger das Problem, sagt Garreau. Im kasachischen Kosmodrom Baikonur, wo normalerweise die Sojus-Raketen starten, herrschten im Sommer Temperaturen bis zu 48 Grad. Manchmal flicht der Franzose einen Satz auf Russisch ein, um Fragen nach Sprachproblemen bei dieser Weltraummission gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Nahezu 1:1 von Baikonur kopiert

Schwierig sei vielmehr, der Korrosionsgeschwindigkeit angesichts der tropischen Luftfeuchtigkeit Paroli zu bieten. Kourou liegt nur 500 Kilometer nördlich des Äquators. Das spart dank der Effekte der Erdrotation Energie beim Transfer ins All und ermöglicht somit höhere Nutzlasten als in Russland oder den USA.

Zwar wurden Mechanik und Elektronik für den Start der Sojus in Kourou nahezu 1:1 von Baikonur kopiert, aber auf Anraten der Esa wurde um den Startbereich eine mobile Halle erstellt, die zumindest den Regen abhält. „Nach der ersten Regenzeit waren die Russen überzeugt, dass es besser ist, wenn wir den Starttisch überdachen“, schmunzelt Joel Donadel, der ESA-Chef in Kourou.

Der erste Sojus-Start in Kourou in Daten

2004

Esa beschließt Programm zur Nutzung des russischen Trägersystems für europäische Missionen in Ergänzung zur Ariane 5.

Dem Besucherblick verborgen bleibt die Oberstufe der Sojus-Rakete namens „Fregatte“. „Da sind die Russen noch viel strenger als die Esa“, sagt Thomas Ruwwe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Aber auch die beiden Galileo-Satelliten, die in der „Fregatte“ untergebracht werden, bevor sie an der Spitze der Sojus montiert wird, bleiben in fensterlosen Hallen. Besichtigung nicht möglich. „Eine Testphase, bei der keine Besucher in die Vorbereitungshalle dürfen“, lautet Ruwwes Begründung. Werkspionage solle so verhindert werden.

Besser auf Nummer sicher gehen

Befürchtungen, die russische Rakete könnte weniger zuverlässig sein als europäische Systeme, zerstreuen alle Funktionäre und Manager in Kourou gleichermaßen. Sie verweisen auf die jahrzehntelange Erfahrung der Russen.

Garreau merkt an, dass ihm bei der Einarbeitung einige Verbesserungsvorschläge eingefallen seien, dass man aber bei der Premiere auf Nummer sicher gehen wolle und deshalb die bewährte Technologie unverändert übernommen habe.

Ein Sojus-Start wird mit 80 Millionen Euro veranschlagt. Die ungleich größere (west-) europäische Trägerrakete Ariane 5 verbrennt jedes Mal, wenn sie abhebt, in etwa das Doppelte. Sie war ursprünglich für bemannte europäische Raumfahrtprojekte entwickelt worden.

Seit diese Projekte aus Geldmangel aufgegeben wurden, brachte sie erfolgreich jeweils mehrere Satelliten auf einmal in ihre Orbits. So könnte sie auch vier der pro Stück rund 700 Kilogramm schweren Navigationssatelliten als Nutzlast befördern.

Warum dennoch auf die Russenraketen zurückgegriffen wurde, „das müssen Sie die EU-Kommission fragen“, sagt Ruwwe.

© Thomas Rietig, DIE WELT